„Das liegt bei uns in der Familie.“
Diesen Satz höre ich oft. Manchmal klingt er wie eine Erklärung. Meistens klingt er wie ein Urteil, gegen das man sich nicht wehren kann.
Er ist beides nicht ganz.
Es lohnt sich, bei diesem Punkt genau hinzusehen – weil er darüber entscheidet, ob du deine Gesundheit als Schicksal oder als Gestaltungsaufgabe begreifst. Und weil in den letzten zwei Jahren zwei große Studien erschienen sind, die scheinbar in völlig verschiedene Richtungen zeigen.
Ich erzähle dir beide. Am Ende wirst du sehen, dass sie sich nicht widersprechen.
Zuerst: Was Epigenetik überhaupt ist
Stell dir deine Gene als Bibliothek vor. Etwa 20.000 Bücher, ein Leben lang dieselben, an denen sich kein Buchstabe ändert.
Die Epigenetik ist die Bibliothekarin. Sie entscheidet, welche Bücher offen auf dem Tisch liegen und welche im Regal verstaubt bleiben. Fachlich passiert das über chemische Markierungen an der DNA und an den Proteinen, um die sie gewickelt ist – Methylgruppen, Histonmodifikationen. Praktisch heißt es: Ein Gen kann vorhanden und trotzdem stumm sein. Oder vorhanden und sehr laut.
Und diese Bibliothekarin hört zu. Sie reagiert auf Ernährung, Bewegung, Schlaf, Umweltstoffe, chronischen Stress – und, so legt die Forschung zur Neuropsychoepigenetik nahe, sogar auf die Art, wie du über dein Leben denkst.
Das ist der entscheidende Punkt: Der Bauplan ist fest. Was daraus gebaut wird, ist es nicht. Ausführlicher habe ich das auf der Seite Epigenetik und Longevity beschrieben.
Studie eins: Deine Umwelt schlägt deine Gene um das Zehnfache
Im Februar 2025 erschien in Nature Medicine eine Arbeit, die viel diskutiert wurde. Ein Team um Austin Argentieri hat Daten von über 492.000 Menschen aus der UK Biobank ausgewertet – einer der größten Gesundheitsdatenbanken der Welt.
Die Forscher stellten alles gegeneinander, was sie messen konnten: auf der einen Seite das Exposom, also die Summe aus Lebensstil, Wohnumgebung, Ernährung, Beruf, Bildung und sozialen Umständen. Auf der anderen Seite genetische Risikoscores für 22 häufige Erkrankungen.
Das Ergebnis:
- Das Exposom erklärte rund 17 Prozent der Unterschiede im Sterberisiko.
- Die untersuchten genetischen Risikoscores erklärten weniger als 2 Prozent.
Von 25 Einflussfaktoren, die sich als unabhängig bedeutsam erwiesen, waren fast alle beeinflussbar: Rauchen, körperliche Aktivität, Schlaf, Wohlstandsverhältnisse, Einsamkeit.
Rauchen allein stand in Verbindung mit einem Großteil der untersuchten Erkrankungen. Für Herzkrankheiten, Lungenerkrankungen und Lebererkrankungen war der Umwelteinfluss dominierend. Nur bei einer kleinen Gruppe von Krankheiten – Brustkrebs, Prostatakrebs, Demenz – hatten die genetischen Marker das größere Gewicht.
Studie zwei: Doch mehr Gene, als wir dachten
Und dann kam eine Arbeit, die in die andere Richtung zeigt.
Ein Team um Ben Shenhar am Weizmann-Institut in Israel veröffentlichte in Science eine Neuauswertung historischer Zwillingsdaten – Jahrgänge 1870 bis 1935. Die bisherige Lehrmeinung lautete: Die Lebensdauer ist zu etwa 20 bis 25 Prozent erblich.
Die Forscher argumentierten, dass diese Zahl systematisch zu niedrig sei. Der Grund: Frühere Untersuchungen hätten Todesfälle durch äußere Ursachen – Unfälle, Infektionskrankheiten, Kriege – nicht sauber herausgerechnet. Zieht man diese extrinsische Sterblichkeit ab und betrachtet nur die intrinsische, also die aus dem Körper selbst kommende Alterung, dann landet man bei einem genetischen Anteil von rund 55 Prozent.
Mehr als die Hälfte. Das ist eine deutliche Korrektur.
Warum sich die beiden Studien nicht widersprechen
Auf den ersten Blick ein Durcheinander: Einmal zählen die Gene fast nichts, einmal mehr als die Hälfte.
Der Widerspruch löst sich auf, sobald man fragt, was jeweils gemessen wurde.
Die Nature-Medicine-Studie misst, warum Menschen in derselben Gesellschaft unterschiedlich früh krank werden und sterben. Sie vergleicht dich mit deinem Nachbarn – hier und jetzt, unter heutigen Bedingungen.
Die Science-Studie misst, wie weit die biologische Obergrenze der Lebensdauer erblich ist, wenn man alles Äußere wegrechnet. Sie fragt nach dem theoretischen Maximum, nicht nach dem Alltag.
Und die Science-Autoren selbst sagen den entscheidenden Satz dazu: Innerhalb dieses genetischen Rahmens kann jeder Einzelne viel für ein gesundes und langes Leben tun.
Das ist die Lesart, die trägt. Deine Gene bestimmen vielleicht, wo dein Dach hängt. Ob du jemals in die Nähe dieses Dachs kommst – oder dreißig Jahre darunter hängen bleibst – entscheiden sie nicht.
Und für das, worum es bei Longevity eigentlich geht, ist das ohnehin die falsche Frage. Longevity fragt nicht nach dem Sterbedatum. Es fragt nach der Gesundheitsspanne: nach den Jahren dazwischen. Und für diese Jahre ist die Beweislage eindeutig – dort entscheidet, wie du lebst.
Was das konkret für dich heißt
Drei Dinge folgen daraus, und sie sind praktisch.
Erstens: Eine familiäre Belastung ist ein Hinweis, kein Bescheid. Wenn Diabetes, Herzinfarkt oder Demenz in deiner Familie gehäuft vorkommen, ist das ein Grund, früher hinzusehen. Nicht ein Grund, zu resignieren. Genau umgekehrt: Bei familiärer Belastung ist der Hebel besonders groß, weil du gezielter ansetzen kannst als jemand, der nichts weiß.
Zweitens: „Gesund“ ist individuell. Das ist der Punkt, an dem ich selbst jahrelang falsch abgebogen bin. Ich habe über Jahre das gemacht, was allgemein empfohlen wurde – und dabei unwissentlich gegen meinen Körper gearbeitet, weil er Eiweiß schlecht verwertet. Genetische Varianten bestimmen mit, wie du auf Kohlenhydrate reagierst, wie effizient du Vitamin D aktivierst, wie gut du Omega-3-Fettsäuren verwertest, wie schnell du dich nach Belastung erholst. Was für deinen Nachbarn gesund ist, kann für dich neutral sein – oder ungünstig. Mehr dazu unter Jung bleiben – innen wie außen.
Drittens: Die Veranlagung muss man nur einmal klären. Eine DNA-Analyse ist keine Momentaufnahme wie ein Blutbild. Deine genetischen Varianten sind von Geburt an festgelegt und ändern sich nicht. Du machst diese Analyse einmal, und das Ergebnis gilt ein Leben lang. Es ist die stabile Grundlage, auf der alles Weitere aufbaut.
Die Grenze, die ich benennen muss
Eine genetische Auswertung sagt dir etwas über Neigungen. Sie sagt dir nichts darüber, ob du eine Krankheit hast oder bekommen wirst.
Sie ist kein Krankheitstest und keine Diagnose. Wer dir das Gegenteil verspricht, verkauft dir etwas.
Was sie leistet, ist wertvoller, als es klingt: Sie nimmt das Raten aus dem Prozess. Statt drei Jahre lang Ernährungsformen durchzuprobieren und zu hoffen, weißt du, mit welchen Voraussetzungen du arbeitest.
Was du aus diesem Beitrag mitnehmen solltest
- Gene sind der Bauplan, nicht das Urteil. Epigenetische Schalter entscheiden mit, was daraus wird.
- Für die Frage, warum Menschen heute unterschiedlich früh krank werden, wiegt die Lebensweise ungleich schwerer als die untersuchten genetischen Risikomarker.
- Für die biologische Obergrenze der Lebensdauer wiegt die Genetik nach neuester Auswertung mehr als bisher gedacht – das ändert für die Gesundheitsspanne nichts.
- Familiäre Belastung ist ein Argument für früheres Hinsehen, nicht gegen das Handeln.
Wie es weitergeht
Bis hierher ging es um die Sache. Im nächsten Teil geht es um dich: Für wen ist Longevity eigentlich gedacht? Ich beschreibe fünf Menschen, die typischerweise bei mir sitzen – und sage auch, wann Longevity-Coaching der falsche Weg ist.
Und wenn du deine eigenen Voraussetzungen kennen willst:
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Serie in sechs Teilen
Longevity verstehen
Quellen
- Argentieri M. A. et al.: Integrating the environmental and genetic architectures of aging and mortality. Nature Medicine, 2025. UK Biobank, n ≈ 492.000; Exposom erklärt ca. 17 % der Mortalitätsvarianz, polygene Risikoscores < 2 %.
- Shenhar B. et al.: Heritability of human lifespan. Science, 2026. Weizmann-Institut; Neuauswertung von Zwillingskohorten der Geburtsjahrgänge 1870–1935 nach Herausrechnen extrinsischer Sterblichkeit; geschätzter genetischer Anteil ca. 55 %.
Deutschsprachige Zusammenfassungen: science.ORF.at · Medscape Deutschland - Deutsches Ärzteblatt: Umwelt beeinflusst Lebenserwartung stärker als Gene. aerzteblatt.de
- Zur Einordnung von Erblichkeitsschätzungen: Genetics, epigenetics, and environmental factors in life expectancy. PMC11093831