Lange galt Altern als etwas, das einfach passiert. Wie Wetter. Man kann es beklagen, aber nicht erklären.
Das hat sich geändert. 2013 haben Forscher um den spanischen Biochemiker Carlos López-Otín in der Fachzeitschrift Cell einen Aufsatz veröffentlicht, der das Feld neu geordnet hat. Sie beschrieben neun zelluläre Prozesse, die gemeinsam ausmachen, was wir Altern nennen. Zehn Jahre später haben sie nachgelegt: Es sind zwölf.
Diese zwölf Punkte heißen Hallmarks of Aging – die Kennzeichen des Alterns. Sie sind heute das Standardgerüst der Alterungsforschung.
Und sie sind der Grund, warum Longevity überhaupt ein Thema ist. Denn wenn Altern aus einzelnen, benennbaren Prozessen besteht, dann ist es kein Schicksal mehr. Dann ist es etwas, an dem man ansetzen kann.
Ich gehe die zwölf nicht der Reihe nach durch. Das wäre eine Liste, die man vergisst. Stattdessen sortiere ich sie so, wie die Forscher selbst sie sortieren: in drei Gruppen.
Gruppe 1: Der Schaden – was kaputtgeht
Die erste Gruppe sind die eigentlichen Schäden. Sie sind die Ursache, nicht die Reaktion.
Die Bauanleitung bekommt Tippfehler. Deine DNA wird jeden Tag beschädigt – durch Stoffwechselprodukte, UV-Licht, Schadstoffe. Der Körper hat Reparaturwerkzeuge, aber sie arbeiten nicht perfekt. Über Jahrzehnte sammeln sich Fehler an. Fachbegriff: genomische Instabilität.
Die Schutzkappen der Chromosomen werden kürzer. An den Enden deiner Chromosomen sitzen Telomere, eine Art Schuhbandkappe. Bei jeder Zellteilung wird sie ein Stück kürzer. Ist sie verbraucht, kann die Zelle sich nicht mehr teilen.
Die Schalter verstellen sich. Deine Gene bleiben ein Leben lang dieselben. Aber welche davon gerade aktiv sind, ändert sich – und im Alter geraten diese Schalter zunehmend durcheinander. Das ist die Epigenetik, und es ist der interessanteste Punkt der ganzen Liste, weil du hier direkt eingreifen kannst. Deshalb hat er auf meiner Website eine eigene Seite: Epigenetik und Longevity.
Die Qualitätskontrolle lässt nach. Proteine müssen korrekt gefaltet sein, um zu funktionieren. Falsch gefaltete werden normalerweise entsorgt. Im Alter bleiben sie liegen und verklumpen. Bei Alzheimer sieht man genau das.
Die Müllabfuhr wird langsam. Zellen räumen sich selbst auf – sie zerlegen kaputte Bestandteile und verwerten sie neu. Dieser Prozess heißt Autophagie und lässt mit dem Alter nach. Die Zelle vermüllt.
Gruppe 2: Die Gegenwehr – und ihr Preis
Die zweite Gruppe sind Schutzreaktionen. Sie sind sinnvoll gemeint. In kleiner Dosis helfen sie. In großer Dosis werden sie selbst zum Problem.
Die Nährstoffmessung wird taub. Deine Zellen spüren, wie viel Energie verfügbar ist, und stellen ihren Betrieb darauf ein. Mit den Jahren – und mit einem dauerhaft überversorgten Stoffwechsel – reagieren diese Sensoren immer schlechter. Der Körper glaubt dann, es sei immer Überfluss, und schaltet Reparaturprogramme ab.
Die Kraftwerke schwächeln. Mitochondrien erzeugen die Energie jeder Zelle. Werden sie schlechter, spürst du das überall: weniger Ausdauer, schwerere Beine, ein müder Kopf. Es ist der Punkt, an dem Biologie sich am direktesten in Lebensgefühl übersetzt.
Zellen gehen in den Ruhestand, verlassen aber das Gebäude nicht. Eine Zelle, die zu beschädigt ist, stellt sich still – sie teilt sich nicht mehr. Das schützt vor Krebs. Aber diese sogenannten seneszenten Zellen sterben nicht, sondern bleiben liegen und geben Entzündungssignale ab. Zellen, die aufgehört haben zu arbeiten, aber weiter Unruhe verbreiten.
Gruppe 3: Was man am eigenen Körper merkt
Die dritte Gruppe ist die Ebene, auf der du die ersten beiden Gruppen tatsächlich bemerkst.
Die Ersatzteillager leeren sich. Stammzellen ersetzen verbrauchte Zellen. Ihre Zahl und Leistung nimmt ab. Wunden heilen langsamer, Muskeln bauen sich schwerer auf, das Immunsystem wird träger.
Die Kommunikation wird schlechter. Hormone, Nerven, Immunbotenstoffe – das Signalnetz des Körpers wird mit den Jahren ungenauer. Botschaften kommen verzerrt an oder gar nicht.
Es entzündet dauerhaft ein wenig. Dafür gibt es einen eigenen Begriff: Inflammaging, aus Inflammation und Aging. Eine niedrigschwellige, chronische Entzündung, die man nicht spürt und die trotzdem Gefäße, Gehirn und Gelenke über Jahrzehnte belastet. Viele Forscher halten sie für den gemeinsamen Nenner der meisten Alterskrankheiten.
Das Darmmikrobiom kippt. Erst 2023 als eigenes Kennzeichen aufgenommen. Die Bakteriengemeinschaft im Darm verschiebt sich mit dem Alter: weniger Vielfalt, mehr ungünstige Arten. Das wirkt auf Immunsystem, Entzündungsniveau und sogar auf die Stimmung. Mehr dazu unter Das Mikrobiom.
Warum diese Liste gute Nachrichten enthält
Zwölf Punkte, die alle nach unten zeigen – das klingt entmutigend. Es ist das Gegenteil.
Schau dir an, was in dieser Liste steht: Nährstoffmessung. Mitochondrienleistung. Entzündungsniveau. Autophagie. Mikrobiom. Epigenetische Schalter.
Das sind alles Prozesse, auf die Lebensstil direkt einwirkt. Nicht theoretisch, sondern messbar.
Bewegung wirkt auf Mitochondrien und auf die Nährstoffsensoren. Schlaf wirkt auf Reparatur und Entzündung. Ernährung wirkt auf Mikrobiom, Entzündung und epigenetische Schalter. Essenspausen wirken auf Autophagie. Stressregulation wirkt auf die Kommunikation zwischen Hormon- und Immunsystem.
Es ist bemerkenswert, dass die Dinge, die deine Großmutter dir geraten hat, genau die Prozesse treffen, die die moderne Zellbiologie als entscheidend identifiziert hat. Nur wissen wir heute, warum sie wirken – und wir können nachsehen, ob sie bei dir wirken.
Wo die Grenze liegt – und das ehrlich
Zwei Einschränkungen, die zu jeder seriösen Darstellung dazugehören.
Erstens: Die Hallmarks sind ein Ordnungsrahmen, kein Behandlungsplan. Dass ein Prozess am Altern beteiligt ist, heißt nicht automatisch, dass man ihn mit einem Präparat günstig beeinflussen kann. Vieles, was in Zell- und Tierversuchen beeindruckend aussieht, ist beim Menschen nicht belegt. Darum geht es ausführlich in Teil 5 dieser Serie.
Zweitens: Die zwölf Prozesse hängen zusammen. Man kann sie nicht einzeln abarbeiten. Wer seine Mitochondrien stärken will, aber schlecht schläft, arbeitet gegen sich selbst. Genau deshalb hat sich der Ansatz der funktionellen Medizin durchgesetzt: das Netz anschauen, nicht den einzelnen Knoten.
Was du aus diesem Beitrag mitnehmen solltest
- Altern ist ein beschreibbarer Prozess, kein unerklärliches Schicksal – zwölf Kennzeichen sind heute anerkannt.
- Die wichtigsten davon reagieren auf Lebensstil: Bewegung, Schlaf, Ernährung, Stressregulation, Mikrobiom.
- Stille Entzündung ist der vermutlich zentrale gemeinsame Nenner der Alterskrankheiten.
- Die Punkte hängen zusammen. Einzelmaßnahmen laufen leer, wenn das Fundament fehlt.
Wie es weitergeht
Ein Punkt aus der Liste verdient einen eigenen Beitrag, weil er das häufigste Missverständnis überhaupt betrifft: die epigenetischen Schalter. Fast jeder glaubt, seine Gene seien sein Urteil. Die Datenlage sagt etwas anderes – und zwar deutlich. Das ist Teil 3.
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Serie in sechs Teilen
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Quellen
- López-Otín C., Blasco M. A., Partridge L., Serrano M., Kroemer G.: The Hallmarks of Aging. Cell 153(6), 2013 – die ursprünglichen neun Kennzeichen.
- López-Otín C., Blasco M. A., Partridge L., Serrano M., Kroemer G.: Hallmarks of aging: An expanding universe. Cell 186(2), 2023 – Erweiterung auf zwölf (neu aufgenommen: gestörte Makroautophagie, chronische Entzündung, Dysbiose).
- Deutsche Longevity Gesellschaft, Glossareintrag Hallmarks of Aging. deutsche-longevity-gesellschaft.de